Doomscrolling: Willensschwäche als Geschäftsmodell
Bei schlechten Nachrichten hängenzubleiben ist ein uralter Reflex. Er funktioniert genau so, wie er soll. Neu ist nur die Industrie, die ihn im Sekundentakt bedient und daran verdient. Doomscrolling ist deshalb keine psychologische Frage. Es ist eine wirtschaftliche.
Foto: Becca Tapert
Zunächst die Entlastung. Dass negative Informationen unsere Aufmerksamkeit stärker binden als positive, ist gut belegt. In der Forschung heißt das Negativitätsverzerrung. Das «aware — Magazin für Psychologie» beschreibt sie als vermutlich evolutionär angelegte Funktion. Die Aufmerksamkeit wird auf potenziell Gefährliches gelenkt. Das hat über Jahrtausende Leben gerettet.
Geändert hat sich also nicht der Kopf. Geändert hat sich die Umgebung. Früher lagen die möglichen Gefahren im Umkreis von ein paar Kilometern. Heute liefert ein Gerät in der Hosentasche rund um die Uhr Nachschub aus der ganzen Welt.
Die Zahl, die das Geschäft erklärt
Wie systematisch dieser Reflex bewirtschaftet wird, hat ein Forschungsteam untersucht. Die Ergebnisse erschienen 2023 in «Nature Human Behaviour». Verantwortet wurde die Arbeit von Nicolas Pröllochs von der «Justus-Liebig-Universität Gießen» gemeinsam mit Claire Robertson von der New York University. Erstmals wurde der Einfluss negativer Formulierungen auf Klickraten kausal geprüft.
Das Ergebnis ist unangenehm konkret. Jedes zusätzliche negative Wort in einer durchschnittlich langen Schlagzeile erhöht die Klickrate um 2,3 Prozent. Jedes positive Wort senkt sie um etwa ein Prozent. Wer online veröffentlicht, bekommt für düstere Formulierungen also Geld und für freundliche einen Abschlag.
Auch dieses Journal steckt in der Rechnung
Hier will ich nicht so tun, als stünde ich außerhalb. Jeder Autor lebt davon, dass jemand auf eine Überschrift klickt. Diese Seite auch. Die Versuchung, schärfer zu formulieren als der Text hergibt, ist real. Und sie wird bezahlt. Genau deshalb halte ich die Studie für so brauchbar. Sie beziffert den Anreiz, statt ihn zu beklagen.
Das Ergebnis lässt sich im Bestand besichtigen. Untersuchungen zur Sprache in Schlagzeilen zeigen, dass emotional neutrale Nachrichten über die Jahre seltener geworden sind. Der Anteil an Wut und Angst ist gestiegen. Beschlossen hat das niemand. So sieht es aus, wenn Millionen Einzelentscheidungen einem messbaren Signal folgen.
Der technische Teil
Zwei Bauteile vervielfachen den Effekt. Das eine ist die Sortierung. Was viele Reaktionen erzeugt, steht weiter oben. Negative Inhalte erzeugen zuverlässig mehr Reaktionen. Das andere ist das endlose Nachladen.
Ein Feed hat kein Ende. Eine Zeitung war irgendwann durchgelesen, und genau dieser Moment fehlt heute. Ohne ihn fehlt das Signal, aufzuhören.
Was das mit einem macht
An dieser Stelle wird in populären Texten regelmäßig übertrieben. Von umgebauten Gehirnen kann keine Rede sein. Was existiert, sind Zusammenhänge aus Befragungsstudien. Eine Untersuchung mit rund 800 Studierenden im Iran und in den USA fand einen Zusammenhang zwischen Doomscrolling und existenzieller Angst. Veröffentlicht wurde sie 2024 bei «ScienceDirect».
Ursachen zeigt so eine Studie nicht. Genauso denkbar ist, dass ängstlichere Menschen mehr scrollen. Vermutlich wirkt beides in beide Richtungen. Ohne Studie merkt man ohnehin das Wesentliche: Nach zwanzig Minuten Katastrophenfeed ist man nicht besser informiert. Nur schlechter gelaunt.
Was hilft
Disziplin hilft wenig. Struktur schon. Der wirksamste Eingriff ist, den fehlenden Endpunkt wieder einzubauen. Also eine feste Zeit für Nachrichten statt Häppchen über den ganzen Tag. Und Quellen, die irgendwann durch sind. Ein Feed-Reader leistet genau das. Ein Newsletter auch.
Dazu die langweiligen Maßnahmen, die trotzdem wirken. Die Nachrichten-Apps runter vom Startbildschirm. Push-Benachrichtigungen aus. Das Gerät nachts aus dem Schlafzimmer. Am meisten hilft mir aber ein Gedanke. Fast jede Meldung, die einen um Mitternacht beunruhigt, verlangt von einem selbst genau nichts. Informiert sein heißt nicht, in Echtzeit dabei zu sein.
Quellen
Diskussion.
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