Digitale Amnesie: Wer lernt Telefonnummern noch auswendig?
Fast jeder kennt noch die Festnetznummer von früher, unter der die Familie erreichbar war. Die Nummern, die man heute täglich braucht, stehen dagegen nur im Telefon. Für dieses Phänomen gibt es einen Begriff: digitale Amnesie. Nur stammt der nicht aus der Gedächtnisforschung, sondern von einem Hersteller von Sicherheitssoftware.
Foto: Christian Krebel
Die Zahlen, die seitdem durch die Medien laufen, stammen aus einer Umfrage, die «Kaspersky» gemeinsam mit dem Institut Opinion Matters europaweit durchführen ließ. Danach konnten in Deutschland 61,1 Prozent der Befragten die Telefonnummer ihres Partners aus dem Gedächtnis abrufen, beim Arbeitgeber waren es 52,7 Prozent. Über die Hälfte der befragten Eltern hatte die Nummer der eigenen Kinder zwar im Handy gespeichert, wusste sie aber nicht auswendig.
Bemerkenswert ist eine andere Zahl aus derselben Erhebung: 55,3 Prozent kannten noch den Anschluss, unter dem sie mit zehn Jahren erreichbar waren.
Wer den Begriff geprägt hat
An dieser Stelle lohnt der Blick auf den Absender. Kaspersky ist kein Forschungsinstitut, sondern verkauft Sicherheitssoftware. Und die Schlussfolgerung, die das Unternehmen aus der eigenen Studie zieht, steht in seinem «Kaspersky-Blog» unmissverständlich: Smartphones seien zu einer echten Erweiterung des Gehirns geworden, und genau wie das Gehirn müssten auch sie geschützt werden.
Das entwertet die Zahlen nicht. Sie sind erhoben worden und plausibel. Aber der Begriff, unter dem sie seit zehn Jahren zitiert werden, ist eine Marketingschöpfung mit einem klaren Zweck. Wer das weiß, liest die Schlagzeilen anders.
Was die Forschung tatsächlich gezeigt hat
Wissenschaftlich heißt das Phänomen Google-Effekt und geht auf eine Arbeit von Betsy Sparrow, Jenny Liu und Daniel Wegner zurück, die 2011 in «Science» erschien. In vier Experimenten zeigte sich: Wer damit rechnet, später wieder auf eine Information zugreifen zu können, erinnert sich schlechter an den Inhalt — dafür besser daran, wo er ihn findet.
Das ist der eigentliche Befund, und er klingt weniger dramatisch als der Begriff Amnesie. Das Gedächtnis versagt nicht. Es speichert etwas anderes: nicht die Nummer, sondern den Weg dorthin.
Ein Prinzip, das älter ist als das Internet
Dahinter steckt ein Konzept, das der Psychologe Daniel Wegner lange vor Google beschrieben hat: das transaktive Gedächtnis. Wie das Magazin «Journal21» es zusammenfasst, lagern Menschen Wissen seit jeher an andere Menschen aus. Man weiß nicht, wie die Steuererklärung optimal auszufüllen ist, aber man kennt jemanden, der es weiß.
Genau diese Rolle hat das Internet übernommen. Früher war der Wissensspeicher die Kollegin, der Vater, das Adressbuch in der Schublade. Heute ist es ein Gerät in der Hosentasche. Neu ist nicht das Auslagern, neu ist nur die Adresse.
Wie groß der Effekt wirklich ist
Bei den Größenordnungen wird es dann ernüchternd. In Sparrows Versuchen ging es nicht um Wissenslücken, sondern um Reaktionszeiten. Laut Informationen von «Macwelt» handelte es sich dabei um messbare und statistisch bedeutsame Unterschiede im Bereich von Millisekunden.
Hinzu kommt, dass der Effekt unter Fachleuten umstritten ist. Spätere Untersuchungen kamen zu abweichenden Ergebnissen, und schon die Originalarbeit hielt fest, dass die Fähigkeit, Dinge zu lernen, unverändert bleibt. Von einem Gedächtnisverlust kann keine Rede sein.
Welche Nummern man trotzdem kennen sollte
Bleibt die praktische Frage. Ein Adressbuch im Kopf braucht heute niemand mehr, und die Fähigkeit, zwölfstellige Ziffernfolgen zu behalten, ist kein Wert an sich. Zwei oder drei Nummern sind aber die Ausnahme.
Sinnvoll ist, was man braucht, wenn das Gerät ausfällt: die Nummer eines nahen Angehörigen und eine zweite Person für den Notfall. Wer ein Kind hat, sollte dessen Nummer wissen. Der Rest darf im Telefon bleiben — dort ist er gut aufgehoben, solange eine Sicherung existiert.
Quellen
- «Sparrow, Liu, Wegner (2011): Google Effects on Memory — Science»
- «Kaspersky — Überleben in einer Welt mit digitaler Amnesie»
- «Journal21 — Google-Effekt und Illusion des Wissens»
- «Macwelt — Wie Google unser Gedächtnis verändert»
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